Run with the Wind
Mount St. Helens National Monument
die erste Etappe in Washington
Es waren uns nur wenige Stunden Schlaf vergönnt. Jede Tiefschlafphase wurde schon im Ansatz durch die Trompeten der Züge abgewürgt. Dann standen aber auch alle Toten senkrecht. Von daher fiel uns die Startzeit um 7:00 Uhr nicht schwer. Trotz der frühen Stunde wurden wir auch noch von einem Platzwärter belästigt, der unsere Quittungen sehen wollte. Unser fluchtartiger Aufbruch machte uns in seinen Augen wohl zu Schwarzcampern. So ein Idiot. Die Fahrt nach Hood River (S) war ein lockerer Rutsch, einmal wegen des geringen Verkehrs, zum anderen wegen des unglaublichen Rückenwindes. Was der Sturm uns gestern gequält hatte, machte er nun wieder gut. In Hood River (S) holten wir das ausgefallene Frühstück nach, mal wieder typisch amerikanisch mit Rühreiern, Speck, Bratkartoffeln und natürlich jeder Menge Kaffee. Noch ein kleiner Einkauf, noch mal getankt, jetzt hieß es "Goodbye Oregon".
Die Brücke über den Columbia River nach Washington war eine einzige Katastrophe. Man wollte uns eigentlich gar nicht erst durchlassen, wir sollten uns um eine Mitfahrgelegenheit kümmern. Da das aber nicht unseren Vorstellungen und schon gar nicht unserem Zeitplan entsprach, ignorierten wir die Warnungen und fuhren weiter. Die Brücke besteht aus einem Gitterrost mit schönen Längsrillen an den Dehnungsfugen. Das Geländer ist maximal einen Meter hoch, so ungefähr Hüfthöhe. Ein falscher Windstoß und wir hätten einen kleinen Flug eingelegt, aber keinen Rundflug. Glücklicherweise hatte sich der Sturm etwas gelegt und wehte einigermaßen gleichmäßig. Hinter uns bekamen wir Geleitschutz von einem netten Autofahrer. Uns blieb eh nichts anderes übrig, als in der Mitte der Fahrbahn rumzueiern. 200 Meter weiter und einige Nerven weniger erreichten wir dann Washington. Und gleich hinter der Brücke war ein Campingplatz, schön ruhig gelegen. Ich hätte mich sonst wohin beißen können. Wieso war der denn nicht auf der Karte eingezeichnet? Und wieso kannte den keiner in Hood River (S)? Mit diesem Platz hätten wir uns den ganzen gestrigen Stress sparen können!
Wir befanden uns hier nahezu auf Meereshöhe, machten uns daher keine Illusionen. Ab hier gab es nur eine Richtung: bergauf. Und zwar erst einmal ganz schön heftig nach White Salmon, direkt gegenüber von Hood River (S). Heute morgen drehte sich ein Gespräch noch um die wichtigsten Ausrüstungsgegenständen einer Reise, nämlich Oropax und Badelatschen. Nun stellten wir fest, dass Doro einen Badelatschen verloren hatte. Sie hatte ihn an die hinteren Packtaschen geklemmt, wohl nicht fest genug. In White Salmon blieb die Suche nach Ersatz natürlich erfolglos. Man empfahl uns, es doch mal in Hood River (S) zu versuchen...
Hinter White Salmon war die Steigung erst einmal wesentlich gemäßigter, auf der ruhigen US 141 machte das Fahren richtig Laune. In BZ Corner, einem Supermarkt mit Dorf, legten wir eine Vesper ein. Weiter ging es vorbei am beeindruckenden Vulkan Mount Adams (3742 m) nach Trout Lake, dem letzten Ort vor der Wildnis des Gifford Pinchot National Forest. Hier besorgten wir uns in der Ranger Station Karten von dem verwirrenden Netz der Forest Roads. Auch beide Wassersäcke mussten gefüllt werden. Der Einstieg in die Wälder begann mit der FR 88 oder auch Trout Lake Creek Road. Ein wunderschönes, einsames asphaltiertes Sträßchen, das wir begeistert unter die Räder nahmen. Dafür wurde es allmählich wieder steiler. Ein paar hundert Meter abseits von der Straße erreichten wir auf einer Schotterpiste den Trout Lake Creek Campground. Ein toller Platz mitten im Wald am Fluss, zwar ohne Trinkwasser aber dafür umsonst.
Es ist merklich kühler geworden, der Himmel ist seit Wochen zum ersten Mal bewölkt. Wir wurden sogar von ein paar Regentropfen getroffen. Ein Zeichen, dass wir in Washington sind?
69,89 Kilometer / 800 Höhenmeter




