Run with the Wind
durch Wälder zum Dach von Oregon
Abfahrt nach Hood River
Allmählich wird es Zeit, einer von mir in den letzten Tagen verdrängten Tatsache ins Auge zu sehen. Die geplante Runde in Washington bis zum Mt. Rainier werden wir wohl nicht schaffen. Die anspruchsvollen Etappen in der Cascade Range haben uns zu viel Zeit gekostet. Nun muss für die verbleibenden 13 Tage an Alternativen gebastelt werden. Zwei Tage in Portland plus den heutigen nach Hood River machen netto 10 Tage für Washington. Nach langem Hin und Her denke ich, wir müssen die Washington-Loop auf den Mount St. Helens beschränken. All zu eng sollte der Zeitrahmen jedenfalls nicht gesteckt werden, die Strecke dorthin ist bestimmt sehr kräftezehrend.
Die Namensgebungen machen einen Reisebericht manchmal nicht gerade einfach, wir haben es hier gleich mit zwei Hood River zu tun. Da ist einmal der Fluss, der dem Mt. Hood entspringt, dann gibt es die Stadt Hood River, unser heutiges Ziel. Um die Verwirrung in Grenzen zu halten, bezeichne ich einfach den Fluss mit Hood River (F) und die Stadt mit Hood River (S).
Die Abfahrt nach Hood River (S) am Hood River (F) ist lang und schön. Wir kommen an eindrucksvollen Basaltfelsen vorbei, der Fluss ist unser ständiger Begleiter. Hood River (S) liegt direkt am Columbia River, damit fast auf Meereshöhe. Wir verlieren über 900 Höhenmeter, der Tachostand nimmt schnell zu. In Parkdale verlassen wir die US 35 und folgen dem Hood River (F) auf dem gleichnamigen Highway. Dieser Weg ist zwar etwas länger, aber viel weniger befahren. Vor Hood River (S) bringt uns noch einmal eine kurze, aber gemeine Steigung ins Schwitzen, dann geht es steil bergab in die Stadt.
In einem kleinen Stadtpark halten wir erst einmal eine Lagebesprechung ab. Die Tour zum Mount St. Helens scheint uns innerhalb der verbleibenden Zeit das einzig Machbare. Vorher müssen wir aber noch Rückspiegel für die Räder besorgen. Das hätten wir eigentlich schon zu Beginn der Tour machen sollen. Die Beobachtung des hinteren Verkehrs ist extrem wichtig, auch muss sich der Vordermann ständig nach dem Nachfolger umsehen. Abgesehen von möglichen Nackenschmerzen ist das ziemlich gefährlich, da das Rad dabei ausschwenken kann. Gesagt, getan, in einem Fahrradgeschäft werden wir fündig und montieren die guten Stücke gleich an die Lenker.
Bevor wir den heutigen Tag weiter planen, stehen erst einmal Supermarkt und Waschsalon auf dem Programm. In der Laundry starten wir eine Volksumfrage bezüglich der hiesigen Campingplatzlage, ohne großen Erfolg. Hier in der Stadt scheint es jedenfalls nichts zu geben. Das Warten auf saubere Wäsche wird kurzzeitig unterbrochen durch einen unerwarteten Besuch von Lynn, unserer Bekannten von vorgestern. Sie hat unsere Räder gesehen, wir nutzen die Gelegenheit für den versäumten Adressentausch. Sie und ihr Mann wollen heute wieder zurück zur Forststation. Schade, sonst wäre die heutige Übernachtung vielleicht geklärt. Heute noch großartig Kilometer zu schrubben hat keinen Sinn mehr, wir werden noch in aller Ruhe Einkaufen und dann zum Viento State Park radeln. Dieser Park hat laut Reiseführer einen Zeltplatz und liegt ungefähr 13 Kilometer westlich von Hood River (S). Die müssen wir dann morgen allerdings auch wieder zurückfahren.

Die Fahrt zum State Park gestaltet sich zum Horrortrip. Der einzige Weg führt über die I84, einer stark befahrenen Autobahn, direkt am Columbia River. Das allein ist ja noch nicht das Schlimmste. Der Columbia River ist ein El Dorado für Windsurfer, und das nicht ohne Grund. Hier bläst ein orkanartiger Sturm aus Westen, der sich uns frontal wie eine Wand entgegen stellt. Wir werden fast aus dem Sattel geworfen und kämpfen uns mühsam Meter um Meter voran. Die Rückspiegel machen sich enorm bezahlt, jeder vorbeirasende Truck hätte den Stresspegel sonst in den roten Bereich schnellen lassen.
Durchgeblasen und geläutert erreichen wir schließlich den Viento State Park. Der Campingplatz folgt getreu dem Motto: Je teurer desto schlechter. Für satte 14 Dollar dürfen wir unser Zelt direkt zwischen Autobahn und Eisenbahn aufschlagen. Ich versuche zwar noch, auf der anderen Seite der Interstate einen Platz im Wald zu finden, hier geht es aber viel zu steil bergauf, das hat keinen Zweck. Nach dem Essen mache ich noch einen kleinen Spaziergang zum Columbia River. Es ist eigentlich sehr schön hier, aber auch sehr stürmisch.
Gegen die Umgebungsgeräusche helfen auch keine Ohrstöpsel mehr. Einzig hilfreich ist unsere angesammelte Müdigkeit. Die Eisenbahn bringt eine besondere Note in die Nachtunruhe, sie kündigt sich jedesmal mit einer lustigen, lautstarken Dreiklang-Fanfare an. Und das mindestens ein Mal pro Stunde! Wir wollen morgen um 7:00 Uhr von hier verschwinden und in Hood River (S) frühstücken. Hier hält uns nichts.
64,91 Kilometer / 50 Höhenmeter




