Run with the Wind
Rogue River - Crater Lake
heiße Etappe zum Lost Creek Lake
Die Nacht war die Hölle. Der Verkehr auf dem Freeway riss nicht ab, besonders die Trucks hinterließen einen bleibenden Eindruck. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen schaffen wir es, wie geplant um 5:00 Uhr aufzustehen. Im Dunkeln wird der Frühstückstisch gedeckt, Kaffee gekocht und das Zelt ausgeräumt. Frühstück und Packen brauchen ihre Zeit, so starten wir um 7:00 Uhr. Die morgendliche Fahrt gefällt uns, noch ist es ist angenehm kühl und kaum ein Auto unterwegs. An einem Supermarkt kaufen wir eine Notration Haferflocken.
Bei Gold Hill wollen wir eigentlich dem Rogue River auf der US 234 nach Norden folgen. Wir sind aber bereits weit hinter Gold Hill, wo bleibt denn der Abzweig? Ein genauer Blick auf die Karte offenbart uns den Fehler, wir sind etwas übers Ziel hinausgeschossen. Das ist zum Glück kein Malheur, wir können hier weiterfahren und vor White City nach Norden abbiegen. Hier im Ballungsraum von Medford / White City gibt es keinen Mangel an Straßen. Die sind alle mit Namen auf unserer Karte eingezeichnet, so folgen wir weiter der Blackwell Road, biegen hinter einer kleinen Brücke auf die Kirtland Road ab, kurz vor White City links auf die Table Rock Road (linker Hand der gleichnamige Tafelberg), wenig später lädt dann der Tou Velle State Park zu einer Rast und Pinkelpause ein. Die Modoc Road bringt uns schließlich auf die US 234, auf der wir bis zur US 62, der eigentlichen Straße zum Crater Lake, fahren. Unterwegs sehe ich einen großen weißen Wolf, der gerade an einem Bach trinkt. Mein Schwung und einen gehörige Portion Respekt verbieten es, anzuhalten und zu knipsen.
Die Hitze hat uns allmählich wieder im Griff, in der Spelunke an der Kreuzung 234/62 werfen wir eine kalte Cola ein. Der Highway ist ziemlich stark befahren. Natürlich, es ist Wochenende, da zieht es viele Leute zum Lost Creek Lake, dem nahegelegenen Stausee. Der Verkehr ist wirklich nervig, gibt es denn keine andere Strecke? Da springt mir eine Art Abkürzung zum Stausee ins Auge, die Butte Falls Road, eine kleine rote Linie, sicherlich viel weniger befahren. In der Tat, wir haben diese Straße dann fast für uns alleine. So macht das Fahren Spaß, wenn nur diese Hitze nicht wäre. Unterwegs entdecken wir Brombeersträucher mit Beeren der Güteklasse A. Aber kein Schatten! Egal, schnell die Räder abgestellt, mit dem Käppi als Schale zu den Büschen und ernten, was das Zeug hält. Dann auf die andere Seite der Straße unter einen Baum zum Schmausen. Plötzlich macht es einen Schlag, der Windstoß eines vorbeifahrenden Wagens hat mein Rad umgeschmissen. Meine Gelassenheit schwindet, so macht das Beerenessen auch keinen Spaß.
Unsere schöne Straße hat eine Gemeinheit in petto, sie beginnt zu steigen. Das ist aus der Karte nun wirklich nicht ersichtlich. Der Saft läuft uns jetzt aus allen Poren, das Tempo nimmt rapide ab. Da entdecke ich einen Feldweg, der runter zu einem Bach führt. Wir ziehen unsere Klamotten aus und schwenken sie mit den Käppis im kalten Wasser.
Beim Anziehen bekommen wir fast einen Herzkasper, aber gut tut das... Schlagartig werden die Hirnzellen munter, mit klitschnassen Sachen machen wir uns wieder auf den Weg. Leider trocknen die Hemden auch sehr schnell, bald wird die Fahrt wieder zur Qual. Nach diversen Höhenmetern endlich wieder ein Bach, den wir sofort zur Kühlung nutzen. Und die Steigung hat ein Ende! Beinahe verpassen wir bei der kühlenden Abfahrt die Crowfoot Road, die uns zum Lost Creek Lake bringen soll. Und die führt natürlich wieder bergauf. Irgendwann haben wir tatsächlich den höchsten Punkt erreicht, dann kommt die ganz böse Überraschung. Es geht bergab. Und bergab. Und bergab. Das darf doch nicht war sein, die ganzen erkämpften Höhenmeter für die Katz? Sind wir überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Mit jedem verlorenen Höhenmeter wird es heißer, unsere Stimmung sinkt proportional. Auch der Fahrtwind bringt keine Erleichterung mehr. Doro hat trotz Brille wieder Probleme mit den Augen und fällt zurück.
Endlich erreichen wir die US 62 und klettern runter zum Rogue River, um dort eine längere Pause unter schattigen Bäumen einzulegen. Ab und zu ein Käppi voll Wasser auf den glühenden Hirnkasten, dann erholen wir uns langsam. Was jetzt kommt, stellt die bisherigen Strapazen noch mal in den Schatten. Der Highway ist frisch asphaltiert und geht endlos bergauf. Der schwarze Bodenbelag reflektiert die Hitze, es ist mörderisch heiß, das reinste Fegefeuer. Doro will keine Pause machen, sie würde es nicht wieder aufs Rad schaffen. 150 Höhenmeter dauert die Tortur, dann blicken wir endlich auf den Lost Creek Lake.
Im Joseph Stewart State Park sind natürlich alle Plätze belegt, wir werden auf die «Overflow Area» verwiesen. Dieser Notplatz besteht aus einer großen Wiese, keine Tische, kaum Schatten. Den einzigen Schatten spenden ein paar armselige Bäumchen am Rand. Der nächste Wasserhahn ist belegt von einer Gruppe Kindern, ich habe Mühe, den Wassersack zu füllen. Meine Nerven sind einfach nicht mehr kräftig genug für schreiende Gören. Wir sinken in dem spärlichen Schatten nieder und warten auf den Sonnenuntergang. Kaum haben wir das Zelt aufgebaut, wird es voll. Wir werden umzingelt von Gästen, die mit protzigen Booten ihre Wochenendsau rauslassen. Dumm sind sie ja nicht, man lädt uns zum Mitfeiern ein. Wir sind viel zu geschafft und brauchen eigentlich nur noch Ruhe. Nach dem Essen radle ich noch einmal zum See. Eigentlich wollte ich schwimmen, das Ufer liegt jedoch weit unten und sieht nicht sehr einladend aus.
Im Zelt sind wir ungeschützt dem Lärm unserer feiernden Nachbarn ausgesetzt. Der Spaß hört endgültig auf, als ein Ball gegen unser Zelt fliegt. Wir schimpfen wie Rohrspatzen, womit haben wir das bloß verdient? Um das Maß voll zu machen, dröhnt von der gegenüberliegenden Seite des Platzes laute Musik zu uns herüber. Und wir wollen morgen wieder um 5:00 Uhr aufstehen. Zu unserer Beruhigung wird schon mal der morgige Vergeltungsschlag geplant.
84,58 Kilometer / 550 Höhenmeter




