Run with the Wind
Rogue River - Crater Lake
Cascade Range
Ich bin noch beim Kaffeekochen, da kommt Doro freudestrahlend vom Waschhaus zurück. Sie bekam von einer Frau im Waschhaus ein Fläschchen Lanolin (Wollfett) geschenkt, das habe ihrer Tochter auch immer bei Hautproblemen geholfen. Da bin ich ja mal gespannt, ob es wirkt.
Die heutige Etappe unterscheidet sich radikal von unserer bisherigen Tour. Die Straße führt fast ohne Verkehr am Rogue River entlang. Wir bekommen schon mal einen Vorgeschmack auf die Berge, die Straße hält so einige deftige Steigungen bereit. Die Ausblicke auf den Fluss sind dafür einfach toll. Zu unserer Rechten steigt dichter Regenwald steil empor, links das schöne Flusstal. Es läuft gut heute, was nicht zuletzt an der ruhigen Straße liegt. Mehrere Up's and Down's summieren sich auf 300 Höhenmeter, dann geht es in einer der bislang schönsten Abfahrten serpentinenartig hinab in die Ortschaft Agness. Kurz vor Ortsbeginn fallen uns üppige Brombeerbüsche ins Auge, da darf man natürlich nicht einfach dran vorbeifahren. Viele dicke, süße, leckere Beeren heben unsere Stimmung noch weiter.
Agness ist die letzte Ortschaft vor einer langen Bergetappe, bleibt zu hoffen, dass wir unsere Wasservorräte hier aufstocken können. Mit Geisterstädten habe ich ja so meine Erfahrung. Es geht wieder bergauf, oben steht ein Haus von der Forstverwaltung. Ich erkundige mich vorsichtshalber nach Einkaufsmöglichkeiten im Ort. Kein Problem, so die Auskunft, einfach nur weiter, da kommt dann ein Laden und ein RV-Park. Im Park tanken wir mit Hilfe des Platzwarts 20 Liter Wasser in die beiden Wassersäcke, nach seiner Aussage das beste Wasser, was es gibt. Eine Kostprobe überzeugt uns, kein Chlorgeschmack.
Zum Beladen der Räder mit den Wassersäcken muss erst einmal umgepackt werden. Die zusätzlichen 10 Kilo pro Rad machen sich ganz schön bemerkbar, vorsichtig schieben wir die beladenen Rösser zum Laden rüber. Bevor wir weiterfahren, steht nämlich noch ein Eis auf dem Programm. Ich erkundige mich dabei gleich nach der hiesigen Bärendichte. Die Auskunft lässt sich schnell und frei übersetzen: "Bären ohne Ende". Das heißt, wir müssen auf jeden Fall vorsichtig sein.
Mit dem Abzweig der US 23 kommt der Aufstieg in den Siskiyou National Forest und damit der Einstieg in die Berge der Cascade Range. Die US 23 ist ein kleines schmales Sträßchen, das sich steil emporwindet. Wir gehen die Sache langsam und gemächlich an und gewinnen bald enorm an Höhe. Die Kurven nehmen kein Ende, die Steigung auch nicht. Oben am Pass soll laut Karte ein Campground sein. Plötzlich geht bei Doro nichts mehr, sie hat heftige Schmerzen in der Wade. Hoffentlich nichts Ernstes, so ein Getriebeschaden wäre das vorläufige Aus. Eine kleine Pause, dann geht es glücklicherweise wieder.
Wir sind auf 950 m angelangt, ich werfe noch mal einen Blick auf die Karte. Da entdecke ich eine dünne Höhenlinie, die zwischen uns und dem Campingplatz entlang läuft. Die muss mir vorher irgendwie entgangen sein. Auf jeden Fall sind es damit noch weitere 500 Höhenmeter. Es ist mittlerweile schon 18:30 Uhr, das schaffen wir nicht mehr. Vorhin habe ich einen Forstweg gesehen, da werden wir uns nach einem Platz umschauen. Also zurück. Viel Auswahl gibt es hier nicht, links und rechts geht es steil bergauf bzw. bergab. Ich renne den Forstweg einige hundert Meter bergauf, kein vernünftiger Platz zu entdecken. Zwei weitere Wege fielen mir vorhin noch auf, dazu müssen wir aber noch mal umkehren, wieder nach oben. Der erste ist scheinbar schon besetzt, überall liegen Würste herum, die bestimmt von Bären stammen. Bei dem nächsten Weg haben wir Glück, für meinen Geschmack zwar ein bisschen nah an der Straße, aber wer soll hier schon vorbeikommen.

Das weitere Programm läuft nun sehr schnell ab, wir sputen uns wegen der einbrechenden Dunkelheit. Doro setzt Nudeln auf, 2 Fertigpackungen, ich baue derweil das Zelt auf. Das ist hier gar nicht so einfach, der Boden ist steinhart, zum Abspannen müssen mehrere Felsbrocken herhalten. Nach dem Essen folgt die schnelle Wasserflaschendusche, das ganze Programm wird beschleunigt durch Hunderte von Mücken. Jetzt heißt es nur noch den Bärensack packen, einen geeigneten Baum finden und ihn dort mittels Leine aufzuhängen. Dann ist es auch schon dunkel. Den heutigen Schlaf haben wir uns redlich verdient.
64,50 Kilometer / 1200 Höhenmeter




